Berlin: Gründerhauptstadt für Startups!

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Berlin boomt so sehr, dass es schon fast weh tut. Schmerzliche Laute kamen jedenfalls unlängst aus verschiedenen Bezirksämtern, die den rasanten Mietsteigerungen durch Verbote von Altbau-Modernisierungsmaßnahmen beikommen wollen – Fußbodenheizung und zwei Balkone stehen auf der schwarzen Liste dieser Aktionisten. Glücklicherweise wollen sie keine IT- und Internet-Startups verbieten, obwohl diese sich im letzten Jahr weiter vermehrt haben und dazu laut der jüngsten Pressemeldung des Hightech-Verbandes BITKOM noch 133 Mio. Euro Risikokapital eingestrichen haben. Mehr als jemals zuvor und mehr als doppelt so viel wie der ganze Rest der Republik. Die Startups der IT- und Internetbranche profitierten von den günstigen Rahmenbedingungen für Mieten und Gehälter, die Berlin bisher geprägt haben. Rasant ansteigenden Infrastrukturkosten könnten diese Entwicklung jedoch dauerhaft gefährden.

Berlin-Hype und Gründer-Szene bedingen sich gegenseitig

Der Erfolg Berlins als Anziehungsort sowohl für Städtereisende als auch für junge und international ausgerichtete Unternehmensgründungen setzt sich aus vielen verschiedenen Komponenten zusammen.

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Quelle: BITKOM

 Der Regierungsumzug gehört ebenso dazu wie die Alternativ-Szene in Kreuzberg, die Stadtgeschichte und die fast mythisch gewordenen Teilung der Stadt, die schicken und sozial intakten Altbaustadtviertel, das viele Grün, die Seen und Wasserstraßen mit z.T. ländlichem Idyll im Innenstadtbereich. Die einstige Wehrpflichtbefreiung und die Überzahl an Kreativen und Künstlern sind ein weiterer wichtiger Faktor für den Erfolg Berlins als Gründerzentrum, das sich seit Wowi “arm und sexy” nennt. Der kaum zu unterschätzende Vorteil Berlins im europäischen Metropolen-Vergleich war die bis vor kurzem als paradiesisch zu bezeichnende Mietsituation. Niedrige Mieten machten das Studieren und Arbeiten für relativ geringe Bezüge und Saläre möglich, niedrige Mieten für Gewerberäume machten es leicht, ohne großes Kopfzerbrechen einfach mal loszulegen.

Berliner Erfolgsrezept ist die Vernetzung

Die Neider unter den Kommentatoren übersehen häufig, dass der Berlin Hype vielleicht Nährboden für die starke Entwicklung der Startup-Szene ist, den Take Off der Entwicklung können sie damit jedoch nicht erklären. Dabei wird meist übersehen: hinter der Entwicklung viel Arbeit steckt. Neben einer gesunden Förderlandschaft und willigen Investoren sind es Co-Workingplaces, Meet ups, Intensiv-Workshops, wie das aus der Gründerszene heraus entstandene Startup-Camp, Veranstaltungen wie Twittwoch und viele weitere regelmäßig stattfindende Networking-Events und Business-Lounges, die in den letzten Jahren erst aufgebaut und tragfähig gemacht werden mussten. Fast in jedem Interview unterstreichen Berliner Gründer die wichtige Rolle der Vernetzung am Standort und sie meinen damit eben nicht schnelle Breitband-Datenautobahn oder Web 2.0, sondern die Verbindungen zu Gleichgesinnten in der Szene vor Ort.

Berliner Erfolg ist Pyrrussieg für die deutsche Gründerlandschaft

Während Berlin seinen Anteil am deutschen Venture Capital seit 2009 fast vervierfachen konnte (2009 gingen knapp über 34 Mio. Euro an Berliner Gründungen), ist der Risikokapitalkuchen insgesamt gegenüber dem Vorjahr geschrumpft. Wurden 2011 noch über 255 Mio. Euro in neue Geschäftsideen gesteckt, waren es 2012 nur mehr 241 Mio. Euro. Die davon an Berliner Startups gezahlten 133 Mio. Euro machen somit 55% der Gesamtsumme aus. Die Gelder gingen deutschlandweit an über 250 Startups, 30% oder rund 70 Unternehmen kamen aus Berlin, in Hamburg wurden 22 gefördert, 44 hatten bayerische Standorte. Insgesamt macht der Gründungsstandort Deutschland also keine so gute Figur und die Forderungen nach besseren Rahmenbedingungen verweist auf die internationale Zweitrangigkeit Deutschlands als Gründerbiotop.

Berlin Hype ist zweischneidig

Die Attraktivität Berlins gerade für Geschäftsideen mit globaler Ausrichtung und internationaler Belegschaft wird sich auch in den kommenden Jahren von einer weiteren Verteuerung in Berlin nicht aufhalten lassen. Dazu sind die Rahmenbedingungen gegenüber anderen Metropolen immer noch zu günstig. Ob Jungunternehmen allerdings weiterhin in Berlin gedeien werden, wenn der Sumpf der Alternativ- und Kreativszene, der auf dem Boden kostengünstiger Wohn- und Lebenshaltungskosten entstanden ist, trockengelegt wurde, ist eher unwahrscheinlich. Dabei hat die Stadt Flächenpotentiale, von denen andere Metropolen dieser Welt nicht mal träumen würden. Platz genug also für eine neue Ausrichtung des Städtebaus, der die derzeitige Verteuerung der Mieten durch Rückbau von Plattensiedlungen, Verkauf städtischer Grundstücke an Meistbietende und Populismus gegenüber Grillplatz-, Streuobst- und Zweitspielplatz-Initiativen selber mitverursacht hat. Für Berlin wäre nämlich eine Flucht der Gründer ein herber Rückschlag, denn während Städte wie München oder Hamburg ökonomisch kaum auf die Newcomer angewiesen ist, stellen die Startups in Berlin einen nicht zu unterschätzenden Hoffnungsträger für eine positive Gesamtentwicklung der Stadt dar.

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